Ein Kriminalfall wird zum Kammerspiel

BROUILLÉ
Mosaik eines Kriminalfalles am Vorabend der Französischen Revolution – Band II – Cahiers De Doléances – 1789

Historischer Krimi

Autor: Richard K. Breuer


Taschenbuch, 350 Seiten, erschienen 2010
ISBN  978-3-9502498-2-8

seit 2011 auch als E-Book (zB.  Kindle-Edition für € 4,99 erhältlich



Klappentext:

Marquis d’Angélique erfährt im März des Jahres 1789 von einer außergewöhnlichen Teufelei im Schloss des Vicomte de Moucel. Gemeinsam mit dem polnischen Gelehrten Aleksander Mickiewicz und dem jungen amerikanischen Hitzkopf Thomas Duport begibt er sich zum Schloss Vallée-Chessy. Dort erfahren die drei vom rätselhaften Tod des alten Gutsverwalters, erstellen mit den Bauern der verhassten Gemeinde Clichy-sous-Bois die Beschwerdehefte, untersuchen das seelenlose Wasser einer kleinen Quelle im Wald von Vaujours und werden Zeugen einer Entführung. Bald schon bemerken sie, dass im Schloss nichts ist, wie es scheint. Aber jede Wahrheit kommt ans Licht.


Zuallererst:

Es handelt sich hierbei um den zweiten Band in Breuers Reihe um die Französische Revolution. Es empfiehlt sich, davor Band 1 (Tiret) gelesen zu haben. Dies  ist zwar zum Verständnis des Buches nicht zwingend nötig, man hat aber ganz sicher mehr Spaß, wenn man die Hauptfiguren schon kennt.


Zum Inhalt:

Der Marquis d’Angélique, der polnische Gelehrte Alexander Mickiewicz und der Amerikaner Thomas Duport nehmen an einem Fest auf Schloß Vallée-Chessy teil. Dort kommt ihnen zu Ohren, dass der ehemalige Gutsverwalter, Monsieur Winterhalter, unter mysteriösen Umständen zu Tode gekommen sein soll. Der Schloßbesitzer, Vicomte de Moucel, und sein Erbe, der Chevalier de Castel-Jaloux, sind offenbar bemüht, die Tat zu verschleiern.

Ausgerechnet der Beichtvater der Moucels, Vikar Ferré, will dem Marquis diesbezügliche Informationen zuspielen. Doch er wird, noch bevor er Licht in die Sache bringen kann, bei einem vorzeitig ausgelösten Feuerwerk schwer verletzt. In der Folge beginnen Mickiewicz und Duport in der Sache zu ermitteln und stoßen auf immer seltsamere Gerüchte über den verhassten Gutsverwalter und verführte Jungfrauen, über den geplanten Verkauf einer Quelle und über einen „doppelgesichtigen“ Teufel. Der Marquis glänzt durch Abwesenheit. Die Schlossbewohner verhalten sich allesamt merkwürdig. Der neugierige Duport vermutet eine Verschwörung, wird in eine Entführung verwickelt und am Ende sogar des Mordes bezichtigt.

Mickiewicz, der von allen für einen Genfer Bankier gehalten wird, bewahrt ruhig Blut, lauscht den leisen Zwischentönen von Gesprächen und besieht sich die Bücher in der gut sortierten Bibliothek des Vicomte ganz genau, um am Ende mit Bravour Schicht um Schicht des rätselhaften Kriminalfalles zu enthüllen.


Meine Meinung:

Band II der Serie ist als historischer Krimi angelegt und besticht durch die minutiöse Zeichnung der Hauptcharaktere, die mir in diesem Buch mitsamt ihren Eigenheiten endgültig ans Herz gewachsen sind. Der Gelehrte Mickiewicz, der immer ein wenig zerstreut und schusselig wirkt, findet seinen perfekten Gegenpart im überkandidelten Marquis, der seine undurchschaubaren Absichten hinter einer gespielten Oberflächlichkeit verbirgt. Die beiden duellieren sich mit spitzfindigen Bemerkungen, aus denen man aber herauslesen kann, dass sie sich menschlich sehr schätzen und sogar so etwas wie eine Freundschaft entwickeln. Die Gespräche der beiden lesen sich absolut köstlich und sorgen für so manchen Lacher.

Mit von der Partie ist außerdem der Amerikaner Thomas Duport, der in Band I seine Liebe, ein Auge und beinahe auch ein Bein eingebüßt hat. Er lässt sich davon jedoch kaum irritieren und stürzt sich voller Eifer in die Ermittlungen im Mordfall Winterhalter. Und in eine beginnende Liebelei mit der Gattin eines venezianischen Diplomaten. Das eine wie das andere ist kein ungefährliches Unterfangen und so läuft Duport ständig Gefahr, sich ein paar Watschn einzufangen, oder mehr.

Brouillé beginnt und endet buchstäblich mit einem Knalleffekt, dazwischen plätschert die Handlung dahin wie die geheimnisvolle Quelle im Wald von Vaujours. Man kann sich in aller Ruhe mit den handelnden Personen auseinandersetzen, sollte sich jedoch nicht von der vermeintlichen Ruhe täuschen lassen. Denn sobald man sich zurückgelehnt und ein Bild gemacht hat, fallen unerwartet Schüsse. In der Folge tritt Mickiewicz in Aktion, ruft alle Beteiligten in der Bibliothek zusammen, und beginnt, in bester Hercule-Poirot-Manier, den Kriminalfall aufzurollen und verschiedenste Theorien zu präsentieren. Jede Theorie klingt auf den ersten Blick plausibel, aber nur so lange, bis sie mit der nächsten Theorie widerlegt wird.

Im letzten Drittel des Buches sollte man sich daher wirklich nicht bei der Lektüre stören lassen, jeder Ablenkung ist aus dem Weg zu gehen, damit man den Gedankengängen und Überlegungen von Mickiewicz folgen und die Genialität der Konstruktion des Buches erfassen kann, dessen Ausgang mich gleich mehrfach verblüfft, überrascht und erheitert hat. Tatsächlich gibt es bereits in einer Eingangsszene einen klitzekleinen Hinweis, den man jedoch erst am Ende verstehen wird.

Wieder überzeugt Breuer mit Dialogen voller Witz und Esprit und einer ausgefeilten Sprache.
Running Gag ist die sich durch das ganze Buch ziehende Scharade des Marquis, der Mickiewicz als Genfer Bankier ausgibt, der nach einem Sturz aus der Kutsche sein Gedächtnis verloren hat. Dies hat – zumindest bei mir – immer wieder für Erheiterung gesorgt.

Die aus historischen Quellen zitierten Passagen halten sich diesmal in Grenzen, lediglich ein Kapitel befasst sich mit den sog. „Cahiers de Doléances“ (Beschwerdehefte des Dritten Standes als Grundlage für die Versammlung der Generalstände).

Allerdings spart der Autor auch diesmal nicht mit Gesellschaftskritik. Diese ist jedoch gut verpackt, und es Bedarf schon einigen Spürsinns, um kleine Anspielungen zur Gegenwart auszumachen, derer es so einige gibt. Wenn man will, kann man sich auf Breuers Gesellschaftskritik, die Verschwörungstheorien und die Hinweise auf Parallelen zur Gegenwart einlassen, nach weiteren Anspielungen suchen und sich damit auseinandersetzen. Muss man aber nicht. Man kann sich von dem Buch auch ganz einfach nur köstlich unterhalten lassen.


Fazit:

Liebenswerte Charaktere, Dialoge voller Witz und Esprit, Situationskomik, Überraschungen und Knalleffekte, ein vielschichtig konstruierter Plot und ein meisterlich gelöster Kriminalfall – Zutaten für ein anspruchsvolles Lesevergnügen. Unbedingte Empfehlung!


SERIEN-INFO:
Mosaik der Französischen Revolution in mehreren Bänden

Band I: Die Liebesnacht des Dichters Tiret (Hist. Roman, 2008)
wird vom Autor auch als E-Book um € 1,99 verschleudert! für Kindle  oder als EPUB/PDF

Band II: Brouillé (Hist. Krimi, 2010)
gibt’s auch als E-Book: für Kindle oder als EPUB/PDF

Band III: Madeleine (Hist. Roman, 2011)
dzt. nur als E-Book erhältlich: für Kindle  oder als EPUB/PDF

Band IV: Penly (in Arbeit)



Zu guter Letzt:

Ich habe – ob Zufall oder nicht, das bleibe dahingestellt – den Band III der Serie, Madeleine, vor dem Band II gelesen. Das kann man tun. Denn eigentlich finden die Ereignisse von Band III vor denen von Band II statt. Inwiefern es die Sicht auf die Dinge verändert, kann ich leider nicht mehr beurteilen, da ich dahingehend bereits befangen bin.

Ich habe lange hin und her überlegt, welche Reihenfolge ich empfehlen würde, denke aber, dass es vielleicht doch besser ist, die vom Autor vorgesehene Reihenfolge einzuhalten, denn Band III, Madeleine, ist nichts für schwache Nerven. Er ist grausam und blutig und stellt in der Dramatik eine deutliche Steigerung zu den Vorgängerbänden dar, wohl um so auf das (hoffentlich) fulminante Finale hinzuführen.



Andere Meinungen zum Buch:
Blücher – der Bücher Blog
Lesefieber.ch
leser-welt.de
Buch-Ratschlag
Schreibtäter
tcboyle
Hedoniker
aus.gelesen

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