Eine Kutschfahrt wird zum Horrortrip

MADELEINE
Anatomie einer Tragödie am Vorabend der Französischen Revolution – Band III – Morris – 1789

Historischer Roman, erschienen 2011

Autor: Richard K. Breuer


derzeit nur als E-Book (zB. Kindle-Edition) für € 4,99 erhältlich



Klappentext:

März 1789. Zwei mächtige polnische Fürsten wollen Aleksander Mickiewicz und die beiden Töchter der Opalinski, Madeleine und Ludomila, tot sehen. Um ihr Ziel zu erreichen, werden ein brutaler Söldnertrupp und ein venezianisches Meuchelmörder-Pärchen ins französische Elsaß gesandt, wo sich die Gesuchten aufhalten sollen. In der abgelegenen Waldlichtung von Saint-Jean Saverne, nicht weit von Haguenau, kommt es schließlich zum Gefecht. Es wird nicht das letzte sein. Und die Tragödie nimmt ihren Lauf. Eine Tour-de-Force durch das vorrevolutionäre Frankreich von 1789.


Zuallererst:

Es handelt sich hierbei um den dritten Band in Breuers Reihe um die Französische Revolution. Es empfiehlt sich, jedenfalls Band 1 (Tiret) gelesen zu haben, es ist aber nicht zwingend nötig den 2. Band (Brouillé) davor zu lesen. Den kann man auch – wie ich – danach lesen. Lesen sollte man ihn aber ganz unbedingt!


Zum Inhalt:

Dem polnischen Gelehrten Aleksander Mickiewicz ist im ersten Band – Tiret – das Geheimnis um seine wahre Herkunft eröffnet worden, welches ihn nun sein Leben kosten soll, wenn es nach zwei mächtigen polnischen Fürsten und deren Handlanger geht. Zu Beginn des Buches nimmt der Leser an einem Gespräch teil, in dessen Verlauf das Schicksal von Mickiewicz ebenso besiegelt wird, wie das von den beiden Opalinski-Töchtern, von denen er eine liebt.

Die polnischen Fürsten sind sich uneins, wie Mickiewicz zu erledigen ist, weshalb gleich mehrere gedungene Mörder auf ihn angesetzt werden. Zum einen ist da der Söldnertrupp um die beiden Kosaken Dassajew und Aljechin, dem auch die beiden brutalen Kerle Ignacy und Piotr angehören, die jedoch noch zusätzlich ihren eigenen Auftrag haben. Und zum anderen der italienische Auftragskiller Lorenzo, der, gemeinsam mit der hübschen Stella, buchstäblich über Leichen geht.

Die beiden verwaisten Opalinski-Töchter sind von Polen über Österreich in einer Kutsche nach Frankreich unterwegs, wo Ludomila, die ältere der beiden, erhofft von Mickiewicz geehelicht zu werden. Madeleine, die glaubt in Mickiewicz verliebt zu sein, kann ihrer Schwester dies nicht verzeihen und so bekriegen sich die beiden Frauen während der ganzen Reise, wobei hier sehr subtil die Spitzen gegeneinander ausgeteilt werden. Die ältere – und auffallend hässliche – Ludomila gibt selbstgefällig ihrer Genugtuung darüber Ausdruck, dass die jüngere – und auffallend hübsche – Madeleine, einmal nicht bekommen wird, was sie will, nämlich den Mann, den sie begehrt. Madeleine wiederum beschließt, alles dafür zu tun, dass Mickiewicz am Ende doch sie erwählt.

Während die beiden Schwestern, begleitet vom englischen Major Haddengast und dem österreichischen Arzt Steinitz, sich ihrem Ziel, der kleinen Hafenstadt Penly im Norden Frankreichs, nähern, überschlagen sich die Ereignisse. Die Häscher sind ihnen auf den Fersen und schlachten sich bei der Jagd auf ihre Opfer gegenseitig ab. Am Ende entkommt die Reisegesellschaft, allerdings nur knapp und mit erheblichen Verlusten an Leib und Seele.


Meine Meinung:

Band III der Serie unterscheidet sich enorm von den beiden Vorgängerbänden, denn hier lässt der Autor nichts an Grauslichkeiten aus. Hier werden Pistolen und Säbel eingesetzt, hier wird aufgeknüpft und abgestochen, aufgeschlitzt, vergiftet, gemeuchelt und vergewaltigt. Da werden Gliedmaßen abgetrennt, da fließt Blut und auch sämtliche anderen Körperflüssigkeiten. Das alles wird in einem beinahe filmischen Stil erzählt, distanziert genug, dass man sich nicht ekelt, und in einem Tempo, dass man zuweilen den Atem anhalten muss. Nicht selten fühlt man sich in ein trashiges Splatter-Movie versetzt oder in einen Tarantino-Film.

Den Gegensatz zu den brutalen Szenen bilden einige wenige, beinahe philosophische, Überlegungen über die Liebe. Da gibt es zum einen das zu Beginn des Buches eingeführte Liebespaar Bialy und Hebanowy, das, aus ungleichen Verhältnissen stammend, flieht um für immer vereint zu sein. Diesen Wunsch bekommt es auch erfüllt, jedoch nicht so wie erhofft. (An dieser Stelle muss ich leider bekritteln, dass mir das Schicksal der beiden nicht wirklich nahe gegangen ist, da die beiden „kein Gesicht“ bekommen haben. Dadurch könnte einem die Tragik dieser kleinen Nebenhandlung beinahe entgehen. Aber wahrscheinlich habe ich als passionierte Romance-Leserin andere Erwartungen an solche Geschichten.)
Weiters gibt es den jungen Galkin, der sich als Diener ausgeben muss und für Madeleine entflammt, die er aus dieser Position jedoch niemals erreichen kann. Er verstrickt sich in Tagträume, die ihm – und Madeleine – letztendlich zum Verhängnis werden.
Und dann gibt es natürlich die beiden ungleichen Schwestern Ludomila und Madeleine, mit ihren sehr gegensätzlichen Ansichten über die Liebe.

Die Stärke des Autors liegt eindeutig in den Dialogen, wobei er hier eine gänzlich andere Tonart anschlägt als im ersten und zweiten Teil der Reihe. Während man in Tiret den anspruchsvollen Gesprächen von Gelehrten folgen durfte und den – zuweilen etwas anstrengenden – Ausführungen von politisch engagierten Zeitgenossen, standen in Brouillé gewitzte Dialoge und die raffinierte Auflösung des Kriminalfalles im Mittelpunkt. Hier in Madeleine kommt vor allem das gemeine Volk zu Wort, dem Breuer eine sehr derbe Sprachfärbung verleiht. Den Gegensatz dazu bildet der Adel, und hier wird vor allem deutlich, welche enormen Standesunterschiede damals geherrscht haben.

Und nicht nur damals, denn Breuer zieht immer wieder sehr subtil Parallelen zu unserer heutigen Gesellschaft. Wenn man seine – manchmal elendslangen und oft schwer verdaulichen – Blogeinträge liest, dann weiß man, dass ihm Gesellschaftskritik, das Aufrütteln und mit dem Finger hinzeigen, ein Anliegen ist. Man kann diesen Aspekt aber auch gerne außer Acht lassen und den Roman einfach nur als das lesen, was er ist, ein Roman. Unterhalten wird man sich damit zweifellos. Und manchmal vielleicht sogar, trotz aller Brutalität, laut auflachen.



Fazit:

Dieses Buch ist nichts für schwache Nerven! Es ist grausam und blutig und stellt in der Dramatik eine deutliche Steigerung zu den beiden Vorgängerbänden dar. Und: es schürt die Erwartungen für das Finale in Band IV, das hoffentlich demnächst erscheint. Empfehlung! (Gar keine Frage…)


SERIEN-INFO:
Mosaik der Französischen Revolution in mehreren Bänden

Band I: Die Liebesnacht des Dichters Tiret (Hist. Roman, 2008)
wird vom Autor auch als E-Book um € 1,99 verschleudert! für Kindle  oder als EPUB/PDF

Band II: Brouillé (Hist. Krimi, 2010)
gibt’s auch als E-Book: für Kindle oder als EPUB/PDF

Band III: Madeleine (Hist. Roman, 2011)
dzt. nur als E-Book erhältlich: für Kindle  oder als EPUB/PDF

Band IV: Penly (in Arbeit)



Ich will Madeleine auf Papier haben!

So gerne ich E-Books lese und deren Vorteile schätze, so habe ich allerdings auch feststellen müssen, dass es gerade bei komplexeren Büchern zuweilen ein wenig mühsam ist, diese in elektronischer Form zu lesen. Da möchte ich doch hin und wieder gerne ein paar Seiten zurückblättern um in einem früheren Kapitel etwas nachzulesen, da wird vielleicht ein Name erwähnt, den ich nicht gleich zuordnen kann, eine Anspielung gemacht, die mir später erst dämmert – tja, das Zurückblättern lässt sich mit einem „richtigen“ Buch natürlich leichter machen.

Dann muss ja auch noch gesagt sein, dass die Bücher vom Breuer besonders schön gestaltet und liebevoll ausgestattet sind. So viele kleine Details, wie etwa verschiedene Schriftarten, machen alleine das Blättern im Buch schon zum Erlebnis. Das kann ich allen Ernstes behaupten, weil ich ja schon mehrere Bücher des Autors in Händen gehalten habe. (Und weil man weiß, dass ich bei einem schönen Buch schon mal ins Schwärmen geraten kann…)

Deshalb tut es mir schon ein wenig leid, dass es Madeleine bisher nur als E-Book gibt. Um diesen traurigen Umstand jedoch zu ändern bin ich dem Club der 99 beigetreten, der noch ein paar Mitglieder gebrauchen könnte, die dafür Sorge tragen, dass Madeleine gedruckt werden kann.



Zu guter Letzt:

Zufällig weiß ich, dass der Autor gerade dem letzten Teil der Serie, Penly, den Feinschliff gibt. (Naja, nicht wirklich zufällig, er hat es ja hier hinausposaunt). Da soll es zu einem Showdown der Extra-Klasse kommen. So hört man. Ich bin dann mal gespannt. Und hoffe, bei den Ersten dabei sein zu können, die den krönenden Abschluss der Serie zu lesen bekommen.


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2 Kommentare to “Eine Kutschfahrt wird zum Horrortrip”

  1. Hallo, Evi! Ich habe die – bis dato erschienene – Trilogie von Richard K. Breuer auch gelesen und hatte bei „Madeleine“ auch den Eindruck, dass dieser Band sich sehr von den anderen beiden unterscheidet (wobei „Brouillé“ auch eine andere Tonart eingeschlagen hat als „Tiret“). Die Grausamkeit ist unbestritten, trotzdem finde ich das Werkchen sehr, sehr lesenswert und ich freue mich schon sehr auf „Penly“ und den Showdown. 🙂
    Liebe Grüße, Andrea

    • Hallo Andrea!
      Herzlich willkommen hier!
      Aha, du hast sie auch alle gelesen. 🙂 Na, ich bin auch schon sehr gespannt auf den Showdown in Penly. Soll ja ein ordentliches Gemetzel werden. Ich hoffe bloß, dass der Autor „meinen“ Lorenzo nicht niedermetzeln lässt, denn der ist meine Lieblings-Nebenfigur…

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